Es war eine kalkulierte Provokation, als vor einigen Monaten ein AfD-Politiker die Bundestags-Vizepräsidentin des deutschen Parlaments mit "Frau Präsident" ansprach und einen Ordnungsruf kassierte. Es zeigt sich aber damit sehr deutlich: Das Thema Gendern polarisiert unsere Gesellschaft. Eine aktuelle Untersuchung des Ifo-Instituts in Deutschland ergab kürzlich, dass immerhin jede dritte Firma eine sogenannte „gender-neutrale Sprache“ verwendet – zumindest nach außen. Innerhalb der eigenen Firma sprechen lediglich 25 Prozent geschlechtsneutral. Auch in Stellenanzeigen spielt die differenzierte Ansprache der Bewerbungen zunehmend eine bedeutende Rolle, wie das Portal Jobbörse Indeed herausfand. In immerhin rund 73 Prozent der Ausschreibungen auf dem Portal ist der Zusatz „m/w/d“ zu finden – die Abkürzung steht für „männlich/weiblich/divers“. Gender-Sternchen tauchen hingegen nur in rund 15 Prozent der Stellenanzeigen auf.

 

 

Von Gendersternchen bis gender-gerecht

Unter gendergerechter Sprache versteht man jene Kommunikation, die nicht mehr das generische Maskulinum verwendet. Stattdessen wird genderneutral formuliert. Mal werden sogenannte Gender-Sternchen eingesetzt – „Teilnehmer*innen“ statt „Teilnehmer“ – oder auch andere Formen wie Substantivierungen („Teilnehmende“) verwendet. Wenn man von Projektmanagern spricht, denkt man an Männer. Frauen werden damit unsichtbar gemacht. Wenn Frauen unsichtbar gemacht werden, dann bietet das ein eingeschränktes Bild auf das Berufsfeld, die Akteur*innen und das benötigte Skillset. Auch im Online-Duden gibt es neben dem "Arzt" nun auch die "Ärztin". Frauen werden nicht mehr NUR mitgemeint.

 

 

Gesellschaft verändert sich – und auch das Projektmanagement

Die Art, wie wir über Projektmanagement (PM) denken, hat sich in den letzten Jahrzehnten stark weiterentwickelt. Vom reinen Methoden-Ansatz zum Management großer und komplexer Aufgaben, über die Optimierung von Vorgängen in GANTT Diagrammen bis hin zu einem neuen Denken in Systemen und einer positiven Sicht auf Veränderung. Vom Taylorismus zu Sozialwissenschaften. Diese differenzierte Betrachtung der verschiedenen Aufgaben im PM hat zusätzliche Sichten hervorgebracht: Programm- und Portfolio- Management in der Top Down Sicht und agile, teamzentrierte Methoden in der Bottom Up Perspektive.

 

Projektmanagement verändert sich und damit auch die Sprache. Wenn unsere Sprache ein Bild von Männern im Anzug im Konferenzraum vermittelt, das aus den 50er Jahren stammen könnte, dann wird auch nicht gezeigt, wie vielfältig, divers und allgegenwärtig das Berufsbild Projektmanagement inzwischen ist. Damit wird nicht nur die Hälfte der Bevölkerung sprachlich aus dem Berufsbild ausgeschlossen, sondern auch die Weiterentwicklung der PM-Kompetenzen hin zu einem Agile Leadership Mindset völlig ausgeblendet. Was bestehen bleibt, ist ein veraltetes und verstaubtes Bild der männlichen Dominanzkultur.

 

 

Alle Menschen sprachlich gleichbehandeln

Eine weitere sprachliche Variante ist das generische Neutrum. Das bedeutet: Personenbezeichnungen sind nicht mehr männlich, aber auch nicht weiblich, sondern neutral gedacht. Das Konzept des generischen Neutrums besagt, dass durch das Verschwinden der Endung „ìn“ eine wesentliche Diskriminierung von Frauen in der deutschen Sprache entfällt. Ich kann nachvollziehen, dass das Anhängsel „in“ als Diskriminierung gesehen werden kann, quasi als „Anhängsel“ an den Mann, die männliche Bezeichnung. Ich kann allerdings nicht erkennen, dass der totale Wegfall dieser Darstellung frauen-freundlicher sein soll. Im gewohnten Sprachgebrauch heißt das vielmehr, dass nur männlich verstandene Begriffe überbleiben. Wie ist denn das generische Neutrum von Krankenschwester? Oder müssen wir dann neue Wörter erfinden? Es gibt ja auch Mutter und Vater, d.h. Geschlechter werden schon sichtbar gemacht.

 

Kürzlich las ich in einer Tageszeitung: „Ursula von der Leyen, die Präsidentin der EU-Kommission, war am Wochenende bei den Salzburger Festspielen.“ War es „falsches Deutsch“? Könnte man von der Leyen auch als Frau Präsident bezeichnen? „Nein“ sagt Kathrin Kunkel-Razum, die Chefredakteurin des Duden: „Wir würden als Duden-Redaktion auch die Anrede Präsidentin empfehlen!"

 

Der Gastkommentar von Brigitte Schaden, der Frau, die bei Projekt Management Austria die Präsidenten-Position ausübrt, ist zuerst im Magazin TRAiNiNG (Ausgabe 6/2021) erschienen.

Mag. Brigitte Schaden

Brigitte Schaden ist Präsidentin von Projekt Management Austria (pma). Die studierte Versicherungsmathematikerin und Betriebsinformatikerin ist Inhaberin von BSConsulting und als Managementberaterin, Coach, Wirtschaftsmediatorin, Lektorin, tätig. Außerdem ist Brigitte Schaden IPMA® Assessorin, Chair von GAPPS (Global Alliance for the Project Professions), IPMA® Honorary Fellow sowie Vortragende auf Konferenzen in Brasilien, China, Indien, Korea, Südafrika, Australien, Nepal, Panama und in ganz Europa. Die ehemalige IT-Leiterin, Projektmanagerin und -auftraggeberin sowie PMO-Leiterin war außerdem Vizepräsidentin, Präsidentin und Chair der International Project Management Association, Personalleiterin und Organisationsentwicklerin.


Beitrag teilen:

Share on Twitter Share on LinkedIn Share on Xing Share on Facebook