Trend: Sie konstatieren zunehmende Polarisierung und Konfrontation in vielen Bereichen und stellen dem, etwa als Leitthema beim Projektmanagementkongress pma focus im Oktober in Wien, Dialogkultur im Projektmanagement gegenüber. Was kann Projektmanagement wirtschaftlich und gesellschaftlich bewirken?
Brigitte Schaden: Bei vielen aktuellen Debatten und großen Fragen hat man den Eindruck, es gehe gar nicht mehr um Lösungen, sondern darum, sich gegenüber anderen Ansätzen, Haltungen oder Sichtweisen durchzusetzen oder einfach gegen etwas oder jemanden zu sein. Zuspitzung und Schwarz-Weiß-Denken sorgen dann für verhärtete Fronten, nicht nur in öffentlich geführten politischen und gesellschaftlichen Debatten, auch innerhalb von Organisationen, Unternehmen und Teams. Mit einer solchen Grundhaltung hat man in Projektstrukturen keine Chance, irgendetwas Vernünftiges zustande zu bringen. Als Grundhaltung im Projektmanagement ist ein konstruktiver, positiver Ansatz systemimmanent.
Trend: Verschiedene Sichtweisen und Interessen treffen gerade in Projekten oft aufeinander. Wie stellt sich der von Ihnen skizzierte Ansatz da ein? Was können oder müssen Projektverantwortliche tun, um das zu erreichen?
Brigitte Schaden: Professionelles Projektmanagement schafft Rahmenbedingungen, in denen Dialog nicht nur möglich, sondern notwendig ist, eben weil ein Projekt nur auf Basis von Kooperation, Abstimmung und gemeinsamer Zielverfolgung erfolgreich wird. Es ist also erforderlich, gemeinsam über ein Ziel übereinzukommen. Ohne klares Projektziel ist ein Projekt sinnlos. Schon die Zieldefinition verlangt dabei nach einem Prozess, der auf Dialog und Kompromissen beruht. Die Verantwortung der Projektleitung ist dabei, die Interessen der Beteiligten klar herauszuarbeiten, gerade wenn diese divergieren.
Trend: Funktioniert das in der Praxis immer so klar und logisch oder gibt es da Tücken?
Brigitte Schaden: Anfangs wird oft nicht alles auf den Tisch gelegt, etwa die Hintergründe von Interessen. Projektmanager und -managerinnen sind da gefordert, die in Art von Mediation herauszuarbeiten. Ein Beispiel, auch aus der Mediation, illustriert das: Es gibt - als Ressource, eine Orange, die zwei Parteien für sich beanspruchen. Projektmanagement würde versuchen, Interessen noch klarer herauszuarbeiten und einen Dialog in Gang zu bringen: Braucht eine Person nur Zesten als Geschmacksträger für Kuchen, eine andere will ein Glas Orangensaft trinken, ist Kompromiss durch Dialog möglich. Dafür reicht die Ressource. Doch um über Dialog zum Kompromiss zu kommen, muss Klarheit über Standpunkte bestehen. Das ist eine Stärke von Projekten. In einer hierarchischen Struktur hätte das eine übergeordnete Instanz entschieden, in einer funktional organisierten eine sachlich dafür zuständige.
Trend: Wo lohnt sich dieser doch aufwendigere Zugang?
Brigitte Schaden: Professionell strukturierte, moderierte und bewusst gestaltete Prozesse helfen etwa besonders dabei, dass interdisziplinäre Projektteams ihre Vielfalt als Stärke tatsächlich ausspielen können. Projekte bringen unterschiedliche Perspektiven und Interessen an einen Tisch, ob Fachabteilungen, Unternehmensbereiche oder externe Partner. Das birgt Konfliktpotenzial, das durch Projektmanagement systematisch bearbeitet und produktiv genutzt werden kann. Neben gemeinsamen Zielerklärungen und regelmäßiger Reflexion zählt dazu auch präventives Konfliktmanagement.
Trend: Projektmanagement ist also perfekte Vorbereitung für weitere Führungsaufgaben?
Brigitte Schaden: Kompetenzen aus dem Projektmanagement sind überall hilfreich, auch außerhalb von Projekten. Projekte fördern nicht nur Zielerreichung, sie entwickeln eine gesamte Organisation weiter, stoßen Lernprozesse an, die weit über Einzelprojekte hinausreichen. Kompetenz in Projektmanagement eröffnet auf jeder Ebene mehr Handlungsoptionen. Dialogfähigkeit, wie sie Projektmanagement vermittelt, ist auf jeden Fall eine ganz zentrale Führungsaufgabe.
Das Interview erschien zuerst im trend. edition August 2025.



